Gedanken zum 1.Advent

27.11.2021

Gedanken zum 1.Advent

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Sach. 9,9b

Liebe Schwestern und Brüder!

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Und sogleich bleibt uns das Gedicht im Hals stecken. Voraussichtlich werden wir in diesem Jahr so eine schlimme Adventszeit haben wie noch nie in unserem Leben. Die Inzidenzzahlen steigen in astronomische Höhen. Die Weihnachtsmärkte scheinen auch in diesem Jahr auf ihr Weihnachtsgeschäft verzichten zu müssen. So schlimm war es noch nie, so die einhellige Meinung. Und das Schlimmste, so finde ich, ist die allgemeine Stimmungslage. Jeder scheint sauer auf jeden zu sein. Man schimpft auf die Regierung, die das ganze Desaster schon viel früher hätte erkennen müssen. Man ist sauer auf die Ungeimpften, die sich hartnäckig weigern, sich impfen zu lassen. Eine Impfquote von max. 72% reicht eben nicht aus für die Herdenimmunität.

 

Man hat geschlossen die Nase voll von Quarantäne und Lock down. Und in manchen europäischen Städten in Holland und Belgien fliegen schon wieder die Pflastersteine und die Polizei geht rigoros gegen die Demonstranten mit Wasserwerfen vor. Soll so in diesem Jahr unsere Advents- und Vorweihnachtzeit aussehen? Na dann gut Nacht und frohes Fest. Nein, da mache ich nicht mit. Ich will die Weihnachtsfreude nicht durch Hass ersetzen und die stimmungsvolle Zeit durch schlechte Laune und Groll. Aber wie? So zu tun, als gäbe es das alles nicht, so wie das in jedem Jahr erfolgreich praktizieren, wenn Weihnachten an den Himmel rückt, geht nicht, dazu sind wir alle viel zu betroffen und eingeschränkt. „Kommt das Christkind denn in diesem Jahr überhaupt nicht“? fragt der kleine Junge seinen Vater. „Doch“ antwortet der, „aber nicht so großartig wie sonst“, antwortet der Vater. Nun ja, vielleicht, was die Geschenke angeht, den Glitzerkram und all die „Weihnachtsmarkt festliche Stimmung“. Aber was die Bedeutung von Weihnachten angeht, im eigentlichen Sinne, nicht. Die Adventszeit war früher eher eine Bußzeit, als eine Vorweihnachtszeit. Der Mensch besann sich auf das, was Gott für uns getan hat, als er in seiner Gnade seinen Sohn auf diese Welt schickt, um uns zu erlösen und auf den Mitmenschen, der, nicht nur zu Weihnachten, Hilfe und Zuneigung braucht. Buße, im Sinn von Umkehr, passt von daher ganz gut in die Adventszeit, auch heute noch, denn gerade jetzt, in unserer Situation, ist es wichtig, auf das zu sehen, was Gott für uns tut und auf seine Nähe zu uns und auf die Menschen, die wir oft so wenig verstehen. Ich erinnere mich in diesen Zeiten oft an Ps.8, wo es heißt: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst“, und dann denke ich mir, wenn ich es schon nicht fertigbringe, all die Nichtgeimpften, die Regierung und die Steinewerfer zu verstehen, wie groß muss dann diese Liebe Gottes sein, dass er nicht einfach mit uns Schluss macht. Dass er eben nicht die Nase voll hat von uns und unserer Halsstarrigkeit. Toleranz, Solidarität, Nächstenliebe, was für große Worte und wie weit sind wir davon entfern. Man redet von Freiheit und meint Egoismus, man redet von Grund -und Menschenrechten und meint nur sein eigenes Recht. Und doch steht die Krippe und das Kreuz Christi immer noch als unverrückbares Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt.

 

Und was heißt das jetzt für unsere „versaute Advents- und Weihnachtszeit? Nun, ich denke, zunächst einmal das Wunder zu feiern, das Gott immer noch an unserer Seite steht und uns nicht aufgibt, trotz aller Halsstarrigkeit und Dummheit der Menschen. Also Umkehr zu Krippe und Kreuz und zu dessen eigentlicher Bedeutung. Er, unser Heiland ist zu uns gekommen und er wird wiederkommen, Das ist die Perspektive, trotz Corona und Pandemie. Und das andere ist genauso wichtig: Den anderen zu lieben wie sich selbst, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Mich immer wieder auf sein Denken und Fühlen einzulassen, auch wenn das so schwer ist und unmöglich erscheint. Rücksicht zu nehmen, sich selber zurück zu nehmen, statt zu schimpfen, sauer zu sein und Steine zu werfen, weil man ja so im Recht ist, heißt für mich in diesem Jahr, den Advent Christi zu begehen. Und dann brauche ich auch in diesem Jahr keinen Glitzerkram, keinen Glühwein, keine Süßigkeiten und keine stimmungsgeladene Atmosphäre, dann reicht es vielleicht ja auch, in der Familie füreinander da zu sein, damit nicht am 2. Weihnachtstag die Polizei vor der Tür steht. Bitte, versteht mich nicht falsch, das ist sicher nicht die Regel, kommt aber, leider, zu Weihnachten vermehrt vor. Ich weiß, das ist alles nicht einfach, aber vielleicht hilft es, zu wissen, dass es Gott mit uns auch nicht leicht hat, sonst hätte sein Sohn nicht für uns sterben müssen. Versucht es einfach mal, um Gottes und der Menschen Willen.

 

In diesem Sinn wünsche ich euch allen eine gute Woche, eine gesegnete Adventszeit und bitte, bleibt alle gesund.

 Euer P. Gräwe