Gedanken zum Tagesspruch zum 2. Sonntag nach Epiphanias

15.01.2022

Gedanken zum Tagesspruch zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.  Joh. 1,16

Liebe Schwestern und Brüder!

Einmal wieder aus der ganzen Fülle des Lebens schöpfen. Wie sehr wünsche ich mir das, und, ich denke, nicht nur ich. Einmal wieder unbeschwert in die Stadt gehen zu können, auf Menschen zuzugehen, sich mit Freunden treffen, in den Arme nehmen, sich treffen und Freude haben, ach, was wäre das schön. Einmal wieder das ganze Leben genießen und nicht immer Angst davor zu haben, sich anzustecken oder andere zu infizieren. Komisch, dass mir gerade das bei unserem heutigen Wochenspruch einfällt. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich in diesen Tagen das sonst so Selbstverständliche als Fülle des ganzen Lebens so sehr vermisse. Grundbegriffe, wie Freiheit, Liebe, Menschlichkeit, Vertrauen, Miteinander und Füreinander, die die Fülle des Lebens ausmachen, stehen heute entweder auf dem Prüfstand oder sie sind mächtig eingeschränkt. Denn was heißt denn heute Freiheit? Ich habe den Eindruck, viele definieren diesen Begriff als ein „Tun und Lassen können, was man will“. Und für diese Freiheit gehen sie auf die Straße und werden, leider, viel zu oft auch gewalttätig. Und was ist aus unserem Vertrauen geworden, wenn man die Coronakrise als einen Trick der Regierung ansieht, um den Menschen in bestimmte Bahnen zu lenken. Wem kann ich heute noch vertrauen? Und wie hoch das Gut der Gemeinschaft aussieht, das zeigen uns zur Zeit unsere Schülerinnen und Schüler. „Ich wünsche mir vor allem, dass wir mal wieder gemeinsam Unterricht haben können, ohne Maske und Schnelltest“ oder „einmal wieder so eine Fete feiern wie früher mit allem, was dazu gehört“, so die Stimmen einigen Schülerinnen und Schüler in meinem Umkreis. Wo ist da noch die Fülle des Lebens, von der wir alle immer wieder nehmen können, wenn Selbstverständliches zur Unmöglichkeit wird.

Das Wort unseres Wochenspruches steht am Ende des so genannten Johannesprologs gleich am Anfang des Johannesevangeliums. Es bildet so zu sagen die Quintessenz all dessen, was vorher über die Menschwerdung Gottes in Christus gesagt wurde. Und auch hier, bei Johannes, geht es um die Grundbegriffe des Lebens, also um die Fülle all dessen, was das Lebens ausmacht. Gnade ist hier ein Beziehungsbegriff und er beschreibt die Beziehung Gottes zu uns Menschen. Und nur in dieser Beziehung ist Leben in seiner ganzen Fülle überhaupt erst möglich, so sieht es der Evangelist. Gnade ist dann nicht das devote und schuldbeladene Empfangen einer huldvollen Zuwendung ( Def. Wikipedia ), sondern fasst Begriffe wie Freundschaft, Heil und Liebe zusammen. Zentraler Punkt dieser Gnade, also der Begegnung auf Augenhöhe mit Gott, ist allein Jesus Christus, der uns diese Fülle des Lebens ermöglicht. Immer wieder reicht uns Gott in seinem Sohn die Hand, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Dier Fülle des Lebens müssen wir uns so nicht mehr zwanghaft erarbeiten, sondern sie wird uns immer wieder neu geschenkt. Es kommt darauf an, ob wir diese Hand Gottes, die er uns reicht auch annehmen oder nicht. Die Sehnsucht nach Leben in seiner ganzen Fülle ist bereits da erfüllt, wo wir diesen einen Herrn als unseren Herrn annehmen und uns mit seiner Gnade beschenken lassen. Das hört sich jetzt alles sehr theologisch und auch ein wenig theoretisch an. Kann mir das helfen, meine Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, so wie es früher einmal war, zu stillen? Nun, dieses Wissen macht es mir vielleicht ein wenig leichter, mit der jetzigen Situation umzugehen. Die Fülle des Lebens, nach der ich mich sehne, liegt bereits vor mir in der Freundlichkeit Gottes, wie sie mir in Christus begegnet. Alles Leben, so wie ich es sehe und erlebe, ist von Gott gewollt und steht unter seinem Schutz, auch mein Leben. Das, was hier als Gnade bezeichnet wird, ist dann die innige Beziehung, die ich zu Gott haben darf, das Treffen auf Augenhöhe in meinen Gebeten, in den Liedern, die ich im Chor spielen darf, in den Andachten, die ich nach jeder Chorprobe höre. Und dann weiß ich, den Abstand, den ich zu meinem Nachbarn halten muss, der gilt hier eben nicht, denn dieser Gott kommt mir immer ganz nahe. Das macht mir aber auch Mut, nach vorne zu sehen, auf die Zeit, wenn das normale Leben wieder anbrechen darf. Wie gesagt, die Gnade Gottes, seine Nähe zu uns, hilft mir da, Geduld zu haben und mich, wenn auch voller Sehnsucht, dem anzupassen, was jetzt nötig ist.

In diesem Sinn wünsche ich euch allen eine gute Woche, und bitte, bleibt alle gesund.

Euer P. Gräwe