Jahreslosung 2021

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Lk. 6, 36

Liebe Schwestern und Brüder!

Barmherzigkeit. Das also soll das Motto für das neue Jahr 2021 sein. Hört sich gut und passt sicherlich auch in unsere corona verseuchte Zeit bestens hinein. Wie viele Menschen haben gerade in diesen Tagen immer wieder gebetet: „barmherzig! Lieber Gott sei doch barmherzig. Menschen, die im Sterben liegen, weil sie den Virus nicht überleben können, Infizierte, deren Krankheitsverlauf eben nicht so unkompliziert abläuft, wie man sich das so erhofft hat. Besitzer von kleinen Geschäften und Restaurants, die am Existenzminimum sind, ja sogar eine ganze Nation, die ihre Demokratie in äußerster Gefahr sieht und dabei als Mutterland der Demokratie gilt. Barmherzigkeit, so schreit dann eine Menschheit, die so langsam am Ende ist, keine Geduld mehr hat und nicht mehr weiter weiß. Barmherzigkeit, lat misericordias  ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. So Wikipedia zu diesem Begriff. In der Bibel ist Barmherzigkeit eines der Wesensmerkmale unseres Gottes. Sowohl im alten Testament, wo sich Gott seinem Volk trotz aller Halsstarrigkeit immer wieder barmherzig zugewandt, um sie dann ins gelobte Land zu führen. Einer hat einmal gesagt: Wenn du wissen willst, was Barmherzigkeit ist, dann schau dir die Geschichte Israels an. Und erst recht im neuen Testament ist Barmherzigkeit ein Kernthema Jesu, wie der Jahresspruch es ja auch vermittelt. Und so wie Gott barmherzig ist, so sollen auch wir barmherzig sein. Nur da tauchen dann ja gerade heute viele Fragen auf, die ich auch nicht beantworten kann. Wenn Gott doch der barmherzige Gott ist, hat er sich dann für uns hinter einer dunklen Wolke zurückgezogen, so wie es der Prophet Jeremia zu hören bekam: Eine kleine Weile, einen Wimpernschlag habe ich weggesehen. Jetzt aber bin ich euch wieder barmherzig. Leben wir zur Zeit genau in diesem Wimpernschlag Gottes, als er auch von uns mal einen Moment wegsieht? Es hat fast den Anschein. Aber dann gibt es ja Hoffnung, für uns und für die ganze Welt. Oder ist das alles Blödsinn, weil Gott, wie es die Lage zeigt, längst tot ist, wie Nietsche es sagt. Jesus weist uns den Blick in unserem Jahresspruch auf Gott selber. Nicht nur, dass er sagt, dass Gott ein barmherziger Gott ist, er sagt auch, wie er sich als der barmherzige zeigt. Und hier wird unser Blick auf Krippe und Kreuz gelenkt. Und da wird einiges deutlich. Zum einen lassen auch Krippe und Kreuz viele Fragen offen, die wir nicht klären können und damit wird eben auch deutlich, dass wir uns Gott nicht verfügbar machen können. Barmherzig heißt nicht, dass er der alte Mann ist mit einem weißen Bart, der den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als uns vor irgend welchen Löchern zu bewahren, in die wir fallen könnten. Er ist für uns da, ja, er ist barmherzig, aber so, wie er es will. Krippe und Kreuz zeigen uns seine Souveränität in seiner Barmherzigkeit. Und darum hat Barmherzigkeit auch etwas mit Geduld zu tun. Er hat uns nicht vergessen und er hat uns auch nicht aufgegeben, er ist da, aber eben nicht so, wie wir es von ihm erwarten. Aber das gleiche gilt dann eben auch für unsere Barmherzigkeit. Hier kommt mir immer wieder meine Mutter in den Sinn. Mit ihren 88 Jahren denkt sie immer, alle müssten für sie da sein und für sie springen. Und wenn sie da nicht tun, dann ist das eben eine kalten und unbarmherzige Welt. Wie oft hören ich diesen Satz. Das zeigt aber, welches Verständnis wir von Barmherzigkeit haben. Das heißt eben nicht, sich ausnutzen zu lassen wie es eben gerade passt. Vom anderen her denken, verantwortlich handeln, zum Wohl der Menschen da zu sein, all das ist Barmherzigkeit, aber so zu sein, wie man uns haben will, gehört nicht dazu. Das gilt für Gott aber auch für jeden von uns. Seid barmherzig, so fordert es Jesus von seinen Jüngern und von uns. Und das bewährt sich in der Krise. Appelle, doch zusammen zu stehen, wie die Kanzlerin es immer wieder tut, nützen nichts, wenn es keine Orientierungspunkte für die Barmherzigkeit gibt. Die aber finden wir allein in Jesus selber. Krippe und Kreuz weisen uns den Weg zur Barmherzigkeit. Und darum habe ich auch, wenn auch Weihnachten schon lange vorbei ist, die Krippe als ein Bild für diese Andacht gewählt. Hier wird uns deutlich, wie barmherzig uns dieser Gott ist.  Und ich hoffe, wir lernen noch in der Krise zur rechen Barmherzigkeit zu kommen.  

Euer Peter Gräwe

Nach oben