Gedanken zum dritten Sonntag nach Trinitatis

19.06.2021

Gedanken zum dritten Sonntag nach Trinitatis

Der Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen. Was verloren ist.                                                                                                                                                                      Lk. 19,19

Liebe Schwestern und Brüder!

Ja, ja, der Oberzöllner Zachäus, dieser kleine, gemeine und von aller verhasste und doch so pfiffige Bursche, der unbedingt Jesus sehen wollte und dazu auf einen Baum steigt, um den Überblick zu behalten und so auffällt, steht im Zusammenhang unseres heutigen Wochenspruches aus dem Lukasevangelium. Lukas ist übrigens der einzige Evangelist, der uns diese Geschichte erzählt. Er stellt sie in den Zusammen mit der Geschichte von der Heilung eines Blinden in Jericho und dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, Warum erzähl ich euch das alles?

Nun, ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich stelle mir bei der Geschichte von diesem Zachäus immer wieder die Frage: Bin ich auch so wie dieser kleine miese Kerl? Und ich komme zu dem Schluss: eigentlich nicht. Aber was geht mich dann diese Geschichte an? Unser Wochenspruch steht ja am Ende dieser Geschichte. Wer sind denn dann die Verlorenen, zu denen sich der Gottessohn aufmacht, um sie zu suchen. Nur allzu schnell stehen wir da mit der Antwort bereit. Ist doch klar, wer das ist, das sind all die „bösen Sünder“, Betrüger, Diebe, Prostituierte und andere Randgruppenmitglieder, die sich der allgemeinen Ordnung und den Gesetzen nicht fügen wollen und immer so außen vor stehen. In einer Gebetsgemeinschaftsstunde musste ich einmal erleben, wie unter der Zustimmung aller ein Beter darum bat, dass Gott all diese Menschen, die er als „Menschen übelster Sorte“ bezeichnete, entweder schnell bekehren möge oder ausrotten soll, damit das Angesicht der Erde als Gottes Eigentum endlich wieder sauber sei. Ich empfand das damals als fürchterlich und habe daraufhin auch spontan den Saal verlassen. Aber wenn das so sein sollte, dann habe ich mit der Geschichte nichts zu tun. Aber ist das so?

Der Zusammenhang, in den Lukas diese kleine Geschichte stellt, spricht da eine ganz andere Sprache. In der ersten Geschichte, der Heilung des Blinden geht es um einen Menschen, der sich nicht mehr selber helfen kann und aufgrund seiner Behinderung betteln muss, damit er nicht verhungert. Als er hört, das Jesus kommt, fängt er laut an zu schreien und nach Jesus zu rufen. Er sieht in ihm den einzigen Rettungsanker, den es für ihn gibt. Und in dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden geht es um drei Haushalter, die ganz unterschiedlich mit dem umgehen, was man ihnen anvertraut hat. Die ersten Beiden scheuen kein Risiko und setzen sich ganz für das ihnen Anvertraute ein. Sie werden am Ende belohnt, nur der Dritte, gräbt das Geld ein und will damit nichts mehr zu tun haben. Am Ende wird er bestraft.

In all diesen Geschichten geht es also um ein und dasselbe, nämlich um den Stellenwert, den ich diesem Menschensohn zukommen lassen möchte. Sowohl Zachäus als auch der Blinde sehen in ihm die letzte Chance, die sich ihnen bieten, anders zu werden, neu anzufangen, das Leben neu in den Griff zu bekommen und so die Fülle des ganzen Lebens zu erfahren. Nur dazu muss man etwas tun, schreien, um aufzufallen und den Menschen auf den Keks zu gehen auf einen Baum steigen und sich der Lächerlichkeit Preis zu geben oder wuchern mit Risiko mit dem, was man erhalten hat.

Und jetzt wird der Wochenspruch etwas für mich. Wer verloren ist, entscheidet nicht der allgemeine Konsens eine bestimmte Norm, Regel oder Ordnung, sondern allein das Herz. Das entweder für diesen Menschensohn brennt oder nicht. Was ist er mir Wert, dieser Jesus, der auch heute noch in mein Leben tritt und mich in die Entscheidung stellt, nicht drohend oder mahnend sondern indem er einfach nur da ist und mir das Reich Gottes, das Leben in seiner ganzen Fülle anbietet. Was ist es mir Wert, ihm zu folgen.

Die Corona Pandemie geht langsam zu Ende. Die Tore der Kirchen öffnen sich wieder zu den Gottesdiensten. Was bedeutet das für mich? Hat sich mein Leben ohne den Gottesdienst so „etabliert“, dass ich ihn und das gesamte kirchliche Leben gar nicht mehr brauche? Wer braucht da schon einen Maulbeerbaum oder hat mir da wirklich etwas gefehlt, weil mein Leben ärmer geworden ist ohne diesen regelmäßigen Kontakt zu anderen Christen/innen und zu dem, der gekommen ist, um auch mich zu suchen. Wer gehört also zu den verlorenen Kindern Gottes. Ich denke, auch wenn ich kein Zöllner bin, kein Mörder und kein Dieb, gehöre ich doch auch dazu und warte darauf, dass der Menschensohn auch mich sucht

 

Und nun wünsche ich euch eine schöne Woche; und: bleibt alle gesund.

Euer P. Gräwe